VINETA – DAS BALTISCHE ATLANTIS


Vor langer, langer Zeit, erzählt die Legende, blühte an den Gestaden zwischen Ostsee und Odermündung eine Stadt, die so reich war, dass die Dächer mit silbernen Schindeln gedeckt waren, Gold- und Silbertaler den Kindern als Spielzeug dienten, die Einwohner in kostbare Pelze, Brokatstoffe, Samt und Seide gehüllt ihren Geschäften nachgingen und selbst die Schweine aus goldenen Trögen fraßen. So groß war der Überfluss durch den Handel mit erlesensten Waren aus aller Welt, dass die Menschen hochmütig und gottlos wurden. Ihr Übermut wurde selbst durch die Mahnung einer Wasserfrau nicht gedämpft, die aus dem Meer aufstieg und ihnen mit gellender Stimme zurief: »Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta soll uritergahn, wiel deß se het väl Böses dahn!« Und so brach schließlich eine grässliche Sturmflut über die Stadt herein und verschlang alle Häuser, Menschen und Tiere.

Seit den ersten Berichten vor etwa 1000 Jahren über eine Stadt im Wendenland, deren großer Reichtum sicherlich weniger den Neid unbezähmbarer Naturgewalten, sondern vielmehr begehrlicher Nachbarvölker hervorgerufen hatte, ranken sich Märchen, Sagen, Lieder, Gedichte und Geschichten um das prachtvolle Vineta und seine Bewohner, wobei die Moral der Geschichte stets darauf hinausläuft, dass Geld allein auch nicht glücklich macht – eine Weisheit, die gerne von den Begüterten verbreitet und von den Bedürftigen geglaubt wird, denen trotzdem klar war, dass ein erkleckliches Sümmchen so manches harte Schicksal zu mildern vermag.

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Der wissenschaftlichen Forschung liegen solche moralischen Wertungen fern. Auf der Suche nach dem legendären Vineta jedoch gab es auch auf diesem vermeintlich trockenen Feld zunächst mehr Vermutungen als Beweise. Denn nur einige zeitgenössische und zudem wenig zuverlässliche Berichte deuteten auf eine solch prachtvolle Stadt hin. So unterschieden sich allein die geografischen Angaben erheblich. Lag jenes beschriebene Vineta mal an der Peenemündung, dann auf Rügen oder häufiger noch auf oder um Usedom, so ergab die Namensgebung noch mehr Verwirrung. Mal war von der Jomsburg die Rede, was jedoch eine allgemeine Bezeichnung für eine Hafenstadt der Wikinger ist. Dann hieß es Jumne oder auch Julin, was mittlerweile mit dem heutigen Wolin (Wollin) gleichgesetzt wird. Doch wie wurde aus Jumne/Julin Vineta?

Man muss sich vorstellen, dass mittelalterliche Handschriften stets auch handschriftlich kopiert wurden, was veränderte Schreibweisen und Missdeutungen erheblich förderte. Beispielsweise standen die Buchstaben >u< und >v< meist für denselben Laut, oder es gab (Ab-)Schreiber, die schlichtweg Buchstaben verdrehten und neue hinzufügten. So kann man mittlerweile als weitgehend sicher ansehen, dass aus dem alten Jumne schließlich Jumneta wurde, daraus dann Vimneta, Vin- neta und schließlich Vineta. So viel zu alten Schriften.

Durchaus reizvoll ist auch die Hypothese, dass in jenem Odergebiet zwischen germanischen und slawischen Völkern einst Stämme der illyrischen Sprachgemeinschaft lebten, die Veneter, deren sprachliche Hinterlassenschaft auch in dem oberitalienischen Ortsnamen Venedig zu finden ist. Die germanischen Nachbarn haben möglicherweise den Stammesnamen der Veneter schließlich auch auf die slawischen Nachbarn übertragen, wodurch aus den Venetern schließlich die Wenden wurden.

Die Arbeit der Archäologen brachte seit Mitte dieses Jahrhunderts den wahrscheinlichsten Beweis für die Existenz des sagenhaften Vineta hervor. Längst war erwiesen, dass vor Koserow oder bei der Stadt Usedom niemals eine Stadt wie Vineta existiert hatte. Doch Ausgrabungen in der Stadt Wolin (Wohin) lieferten relativ handfeste Belege. Vineta/Julin/Wolin war, wie die Funde und Untersuchungen ergaben, im 9. und 10. Jh. keineswegs eine Wikingersiedlung, sondern eine slawische Stadt mit internationalen Beziehungen und von außerordentlichem Reichtum. Man fand dort u. a. Reste von »ostasiatischer Seide, Glasperlen aus Syrien und Ägypten, mit Gold und Silber überzogene Schüsseln, skandinavische Waffen und Wollwaren, Bronzekessel aus dem Rheinland, tropische Seeschnecken, Schmuckgegenstände aus dem Baltikum und der Ukraine, byzantinischen Brokat…« – also durchaus Beiwerk, das mit der Vineta-Sage übereinstimmt. Hinzu kommt, dass Vineta/Wolin in dieser Zeit von der damals enormen Zahl von 6000-8000 Menschen bewohnt wurde. Alles deutet also darauf hin, dass unter dem Pflaster von Wolin das sagenhafte Vineta liegt.

Das Ende dieser Stadt war jedoch weniger dramatisch, als es die Legende erzählt. Freilich ging Vineta unter, aber nicht durch eine gewaltige Meeresflut – dazu lag die Ansiedlung auch zu weit vom Ostseestrand entfernt -, sondern sie versank allmählich im sumpfigen Untergrund. Die Herausbildung von Staaten, die im 10. bis 12. Jh. europaweite Eroberungsfeldzüge nach sich zog, gab den Einwohnern den Rest. Ende des 12. Jh., nach einem letzten Schlag durch die Dänen, war Vineta/Wolin nurmehr eine von vielen unbedeutenden Provinzstädten.

Die Vineta-Sage erfuhr gleichwohl im Lauf der Jahrhunderte so viel Ausschmückungen und Veränderungen, dass sich alsbald archetypische Erfahrungen mit den Überlieferungen vermischten. Es kamen die christlichen Motive hinzu, die manchmal apokalyptische Prophezeiungen beimischten. Dann waren da die Erfahrungen insbesondere der Usedomer Küstenbewohner mit verheerenden Sturmfluten, die schon mal ganze Ansiedlungen verschlangen. Oder die Sage von Atlantis, das an seiner Hybris zugrunde ging, sowie das legendäre Troja, das schließlich von einem baltischen Küstenbewohner, Heinrich Schliemann, entdeckt wurde. Johann Gottfried Herder gar schrieb, hingerissen vom Welthandel und dem Trot-zen gegen die Natur, von einem slawischen Amsterdam. Schließlich ist auch eine gewisse Assoziation mit dem prachtvollen, aber von den Fluten bedrohten Venedig nicht zu leugnen. Und dann ist da noch die Fantasie, die alles durcheinander mengt und eine wunderschöne Geschichte gewoben hat.

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